Harburger Anzeigen und Nachrichten, erschienen am Montag den 30. November 2009

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Er kam spät, aber er kam: Michael Wendler im Rieckhof

Harburg (mab). Freitag, 12 Uhr: Habe soeben den Auftrag erhalten, über den heutigen Schlagerabend im Rieckhof zu berichten. Michael Wendler tritt auf. Wer ist das? Die HAN und das Internet geben Auskunft. Michael Wendler, bürgerlich Michael Skowronek, geboren am 22. Juni 1972 in Dinslaken, gelernter Speditionskaufmann, seit elf Jahren im Musikgeschäft. Mehr als 350 selbst geschriebene Titel. Bezeichnet seine Musikrichtung als „Deutscher Pop-Schlager“, ein Begriff, den er sich hat schützen lassen. Nennt sich selbst „König des Discofox“. Wöchentliche Auftritte auf Mallorca. Füllte die Köpi-Arena in Oberhausen mit fast 13000 Fans.

Ich werde rechtzeitig da sein müssen, bevor der Rieckhof wegen Überfüllung schließt.

19.45 Uhr: Knapp 300 verkaufte Karten, sagt die Frau an der Kasse. Na ja. Ich finde mühelos Platz in der zweiten Reihe des bestuhlten Saals. Die zentrale Tanzfläche hat die Größe meines Wohnzimmers. „Schlager läuft in Norddeutschland nicht“, sagt Mike Böhm, der hinter mir sitzt. Der Fleestedter muss es wissen, er ist DJ beim Internetsender Foxwahn und mit Ehefrau Sabine und Tochter Maria-Sophie (11) hier.

Die jüngste Wendler-Begeisterte des Abends kommt aus Meckelfeld, heißt Emmi-Sophie und trägt Schnuller zum Fan-T-Shirt. Der Konzertbesuch ist ein Geschenk zum dritten Geburtstag. „Wir sind nur ihretwegen hier und haben auch für sie vollen Eintritt zahlen müssen“, berichten Mutter Anja Lilienfeld (42) und Oma Inge Weyreuther (69).

20.30 Uhr: Emmi reibt sich die Augen. Wendlers Auftritt verzögert sich. Er soll auf der A1 im Stau stecken. DJ Ulf, das Duo „Die Junx“ und Fabienne, Schlagerprinzessin aus der Nordheide, versuchen abwechselnd so tapfer wie erfolglos, das Publikum in Stimmung zu bringen oder wenigstens bei Laune zu halten.

21.35 Uhr: „Wir woll’n Michael Wendler seh’n!“, skandieren Fans vor dem Veranstaltungszentrum. Ich sitze in der Rieckhof-Bar, die Gedanken so trübe wie mein Weizen. Immerhin: Wendlers Tanzmäuse sollen schon da sein. Die kamen aus Richtung Berlin.

21.55 Uhr: „Oh ja, ich bin sauer. Sehr!“, sagt meine Platznachbarin, die seit zwei Stunden bewegungslos auf ihrem Stuhl im Saal hockt. „Keine positive Presse, zwei Stunden Verspätung, so was geht nicht“, zischt Mike aus Reihe drei. Eine der wenigen Tanzenden, eine dralle Blonde in zu engem Streifenshirt, die bisher mit überschwappendem Bier drinnen den Holzboden und draußen das Trottoir genässt hat, schwingt mittlerweile auf der Bühne die Hüften. Weißer Bierschaum netzt den schwarzen Vorhang. Die Menge gröhlt. Der Alkohol zeigt Wirkung.

22.10 Uhr: Er ist da!!! Weißes weit geöffnetes Hemd, die nackte Brust nur von einem Goldkettchen geschützt. Die Arme ausgebreitet wie der Messias tritt Michael Wendler an den äußersten Bühnenrand. Er sei spät, bekennt der Star, aber er habe am Nachmittag noch Dreharbeiten im Haus von Oliver Pocher gehabt. „Ich hätte absagen können, aber ich bin gekommen. Zu euch nach Harburg. Habt Ihr mich noch lieb?“ Unbeschreiblicher Jubel ist die Antwort. Hände und Fotohandys strecken sich ihm entgegen. Lächeln überzieht die eben noch stumpfen Gesichter, die jetzt beseelt zu ihm aufschauen. Niemand sitzt mehr. Jeder will ihn sehen. Ihn hören. Ihn berühren. Augenblicklich vergessen ist jeder Unmut. Die Fans tanzen mit ihm. Sie singen mit ihm. Sie kennen jeden seiner Texte. „Wenn alle Stricke reißen“, „Sie liebt den DJ“. Im Saal herrscht Taumel. Trotzdem mache ich jetzt Feierabend. Es ist 22.45 Uhr.