Ingeborg Beuke hilft einer jungen Mutter beim Einsteigen.

 

Ingeborg Beuke, 71, engagiert sich ehrenamtlich für die Bahnhofsmission

Meckelfeld/Hamburg (mab). Ein kalter Hauch zieht über die Bahnsteige, der Lärm blecherner Lautsprecherdurchsagen, quietschender Räder und klappender Türen erfüllt die dämmrige Halle und den abgerissenen Gestalten, die unter Treppen und in Winkeln vor dem winterlichen Nieselregen Schutz suchen, möchte man nicht allein im Dunkeln begegnen. Es gibt zweifellos wirtlichere Orte als den Hamburger Hauptbahnhof.

Doch Ingeborg Beuke hält sich hier lieber auf als auf dem heimischen Sofa. Seit 17 Jahren schon engagiert sich die Meckelfelderin mehrmals wöchentlich ehrenamtlich für die Bahnhofsmission. „Die Arbeit macht unglaublich viel Spaß. Man trifft so viele Menschen und nach einem positiven Gespräch ist man erfüllt. Die eigenen Probleme treten in den Hintergrund“, schwärmt die 71-Jährige und ihre blauen Augen leuchten fast so hell wie ihre Weste.

Die Uniform mit dem gezackten roten Kreuz, dem Emblem der Organisation, verschaffen der Witwe Vertrauen bei jedem Fremden. „Wenn ich Reisenden beim Umsteigen helfe, übergeben sie mir ohne zu zögern ihre Taschen oder sogar ihren Nachwuchs“, sagt die dreifache Großmutter. Gerade hat sie eine junge Frau dabei unterstützt, Kleinkind, Karre und Koffer in den Zug zu hieven. Jetzt steuert sie auf eine betagte Rollstuhlfahrerin zu. „Brauchen Sie Hilfe? Ich bringe Sie zum Fahrstuhl!“

Ihr Leben lang hat sich die gelernte medizinisch-technische Assistentin sozial engagiert. Als gläubige Katholikin sieht sie sich als praktizierende Botschafterin der Kirche. Das Schlüsselerlebnis, das sie zur Bahnhofsmission brachte, liegt lange zurück. Sie verpasste eine betagte Angehörige am Bahnsteig und fand die alte Dame am Arm einer Missionarin. Ingeborg Beuke war so dankbar, dass auch sie fortan Hilfsbedürftigen Sicherheit und Orientierung geben wollte.

Ingeborg Beuke nimmt sich viel Zeit für Gespräche. Hier erzählt ihr der Obdachlose Rolf aus seinem Leben.

 

„Die Arbeit erfordert körperliche und seelische Belastbarkeit“, sagt sie. Denn praktische Hilfe für Reisende ist am Hauptbahnhof weit seltener gefragt als Zuwendung für Gestrandete. Am Verkehrsknotenpunkt sammeln sich Obdachlose und Trinker, Drogensüchtige und Prostituierte, Entwurzelte und Gescheiterte. Manche vegetieren über Jahre am und im Bahnhof.

Ein junger körperbehinderter Rumäne beispielsweise. Seit er von seiner Familie verstoßen wurde, lebt er von Prostitution und dem Mitleid Gesunder. „Er stinkt entsetzlich“, erzählt Ingeborg Beuke. Schon oft hat sie ihm vorgeschlagen, sich an eine der vielen Hilfsorganisationen zu wenden, die Obdachlosen in der Hansestadt Quartier verschaffen. Doch er bevorzugt den Schlafplatz neben der Bahnhofspolizei.

Auch Rolf nächtigt lieber unter freiem Himmel, als mit Trinkern und Schlägern unter einem Dach zu leben. Seine Kindheit und Jugend waren durch Gewalt und sexuellen Missbrauch in der Familie geprägt. Um sich aufzuwärmen und Zeitung zu lesen, verbringt der 50-Jährige fast täglich eine Stunde im Aufenthaltsraum der Bahnhofsmission am Ausgang Spitalerstraße.

 

120 Tassen Kaffee und halb so viele Tassen Tee schenkt die von Stadtmission, Diakonie und Caritas getragene Organisation pro Tag durchschnittlich kostenlos aus. Zu essen gibt es nur in Notfällen, meist nachts. Hungrige finden tagsüber aber eine Liste der zahlreichen Institutionen, die in der Umgebung gratis Mahlzeiten ausgeben.

In der Bahnhofmission verzehrt eine Frau genüsslich selbst mitgebrachten Fisch aus der Dose. Sie ist Mitte 70 und seit zwei Jahrzehnten „auf Platte“. Jetzt hat sie Probleme mit einem geschwollenen Bein. Für Ingeborg Beuke hebt sie ihren fleckigen langen Mantel, die wallenden Röcke, krempelt die zerschlissene Hosen hoch und die dicke Wollsocken herunter. Medizinische Hilfe geben die Missionare nicht. Aber erfahren und geschult, wie sie sind, erkennen sie, wenn Sanitäter geholt werden müssen.

Ingeborg Beuke kennt die langhaarige Alte und die verworrenen Geschichten von deren traumatischen Erlebnissen seit Jahren. Das Schicksal der gebürtigen Ostpreußin lässt sie nicht kalt. Doch bei aller Offenheit gegenüber dem Leid anderer hat Ingeborg Beuke auch gelernt, sich innerlich abzugrenzen. Sie weiß, dass sie nicht mehr tun kann, als Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten.

Nicht alle, die das Büro der Bahnhofsmission aufsuchen, haben noch die Kraft, sich um ein besseres Leben zu bemühen. Aber jeder Einzelne freut sich über offene Ohren. Auch der junge Mann in der schicken Tuchjacke, der so gar nicht hier her zu passen scheint. Die Erkenntnis seiner Homosexualität war für den Heranwachsenden ein Schock. Die Intoleranz seiner Nächsten ließ schließlich sein einst behütetes Leben entgleisen. Damals hat der gebürtige Buchholzer vorübergehend auf der Straße gelebt und bei der Bahnhofsmission ein Stück Geborgenheit gefunden. „Danke fürs Zuhören und den Kaffee.“ Zum Abschied schenkt der 22-Jährige Ingeborg Beuke Schokolade.

„Was kostet das?“ scherzt ein gepflegter Herr, der sein eigenes Instant-Pulver mitgebracht hat und nur heißes Wasser möchte. Er weiß genau, dass kein Geld für Getränke verlangt wird. Schließlich hat er während seiner zehnjährigen Heroinabhängigkeit in der Bahnhofsmission viel Zeit verbracht. „Spenden sind stets willkommen“, sagt Ingeborg Beuke und zeigt auf die Sammelbüchse. Der Ex-Junkie, der sich jetzt, als Mittvierziger, mit einem Studium seinen Lebenstraum erfüllt, kramt 50 Cents aus der Tasche. „Ich kann nicht viel geben, aber ich zahle gern. Ohne engagierte Menschen wie die Bahnhofsmissionare gäbe es mich nicht mehr.“ Ingeborg Beuke lächelt. Es sind Momente wie dieser, die sie ihr Ehrenamt so lieben lässt, dass sie sich vor dem Moment fürchtet, in dem sie aus Altersgründen aufhören muss.

Info: Die Hamburger Bahnhofsmission ist am Hauptbahnhof, in Altona und in Harburg vertreten und sucht ständig Helfer. Insbesondere für den Dienst in Harburg werden noch Ehrenamtliche gesucht. Interessierte melden sich bei Axel Mangat, Telefon 0 40/39 18 44 00. Spenden an Bahnhofsmission Hamburg, EDG Kiel, Konto: 158860, Bankleitzahl 210 602 37. Infos unter www.bahnhofsmission-hamburg.de