Wilhelm Grube serviert jetzt frischen Stint

Als Anfang März die letzten Eisschollen von der Elbe verschwanden, waren für die fünf verbliebenen Berufsfischer zwischen Hamburg und Cuxhaven endlich schlimme Monate vorbei. Seit Mitte Dezember hatten sie kaum ausfahren können, weil das Eis die Netze zerriss, Kutter und Leben der Besatzung in Gefahr brachte. Jetzt beginnen zum Glück einträgliche Wochen. Denn der Stint ist da, ein wenig später als nach den zahlreichen milden Wintern der vergangenen Jahre. „Früher war es oft so, dass der Stint erst Mitte März kam. Das ist nicht ungewöhnlich“, erinnert sich Wilhelm Grube, Elbfischer in dritter Generation. Ab Januar machen sich die kaum 20 Zentimeter langen lachsartigen Fische aus dem Meer auf den Weg flussaufwärts zu ihren Laichgründen in Ufernähe oder auf Sandbänken. Wie schnell sie ziehen, hängt von der Wassertemperatur ab. So ist bisher nur wenig Stint in Grubes Fischkisten gelandet.

Wilhelm Grube zeigt in Roggenschrot gebratenen Stint.

Dennoch steht Stint mancherorts schon seit langem auf der Speisekarte. „Bei solch frühen Angeboten handelt es sich häufig um Tiefkühlware oder um Fische aus Frankreich und Belgien, die auch etwas anders aussehen als unser Stint“, sagt Wilhelm Grube, der den Gästen seines Hoopter Restaurants ausschließlich frisch gefangenen Elbstint serviert. Denn Stinte gibt es zwar auch in der Weser und in geringer Menge in der Ems – das Stint-Dorado liegt aber eindeutig in der Elbe. Genauer: Zwischen Hamburg und Geesthacht. Denn die schon im Winter bei Brunsbüttel in Stellnetzen gefangenen Silberlinge sehen gegen die Prachtstücke aus Grubes Reusen buchstäblich klein und blass aus. Sind doch die Exemplare, die zum Laichen aufsteigen, mindestens drei Jahre alt. Nach Eiablage stirbt etwa ein Drittel der Population. Bis zu 1000 Kilo täglich wird Wilhelm Grube bis Ostern aus dem Wasser ziehen, um die enorme Nachfrage zu befriedigen. Schließlich reicht das Einzugsgebiet der Stintfans von der dänischen Grenze bis zum Harzrand und vom Spreewald bis zum Teutoburger Wald.

Zuweilen fallen die Liebhaber der gebraten, geräuchert, sauer eingelegt oder als Suppe servierten Delikatesse in Scharen mit Reisebussen in den Elbdörfern ein. Dass die Bestände durch den Fang zu stark dezimiert werden könnten, befürchtet der Fischer nicht. „Allein die Kormorane fressen ein Vielfaches von dem, was wir heraus holen“, sagt Wilhelm Grube, der mit seinen Mitarbeitern als Einziger in dieser Region fischt und den Stint, der lange als Essen für arme Leute galt, erst salonfähig gemacht hat.

Angesichts zunehmender Fischarmut hatte er damit vor drei Jahrzehnten eine neue Erwerbsquelle erschlossen. Jetzt weiß er nicht mehr weiter. „Vor hundert Jahren war die Elbe der fischreichste Fluss Europas. Nun sind Lachs, Stör und die Große Wanderquappe hier längst ausgestorben. Wir haben ja nur noch den Stint“, sagt der 54-Jährige, der heute mindestens die Hälfte seines Einkommens dem unscheinbaren Fischchen verdankt, das in der einst nur vier bis fünf Meter tiefen Elbe so massenhaft vorkam, dass man die Felder damit düngte.

Wasserverschmutzung infolge der Industrialisierung machte vielen Flussbewohnern den Garaus. Selbst durch die verbesserte Elbwasserqualität nach der Wiedervereinigung geschürte Hoffnungen haben sich weitgehend zerschlagen. Seit das Wasser wieder klarer ist, wachsen durch den vermehrten Lichteinfall im Oberlauf auch mehr Algen. Die treiben flussab, bis sie jenseits des Hamburger Hafens im bis zu 16 Meter tiefen Wasser absinken, wo sie aus Lichtmangel absterben. Bei ihrer Verrottung wird Sauerstoff aufgezehrt. „Gerade kleine Fische, die von der Tide mehrfach durch die Sauerstoff-Löcher gezogen werden, kommen kaum lebendig durch“, sagt Wilhelm Grube.

Doch vor allem die Elbvertiefungen dezimierten die Bestände drastisch. Das Ausbaggern der Unterelbe wirkt sich durch die verstärkte Strömung auch oberhalb des Hamburger Hafens aus. „Die Elbe vertieft sich durch den Sog selbst, seichte Laichzonen gehen so verloren“, sagt Grube. Auch der Kühlwasserbedarf der Kraftwerke macht ihm große Sorgen. Allein das im Bau befindliche Kraftwerk Moorburg wird rund 64 Kubikmeter pro Sekunde filtern. Fischbrut, die mit der Strömung gen Meer driftet, wird eingesogen und vernichtet, glaubt der Fischer. Dass der Bau weiterer Kraftwerke im Unterelberaum geplant ist, lässt Wilhelm Grube zwischen Trauer, Wut und Verzweiflung schwanken. Er hält es für wahrscheinlich, dass die Stintbestände in naher Zukunft stark zurückgehen werden.

Per-Willem Grube, 17, hat seinen Vater kürzlich gefragt, ob der Fischer-Beruf eine Zukunft hat und ob er die Familientradition fortsetzen soll. Er hat ein Schulterzucken zur Antwort bekommen. Wer Stint genießen möchte, tut es am besten bald.