Dorf Soglio mit Wehrmauer und Kirche vor Bergkulisse
Dorf Soglio mit Wehrmauer und Kirche vor Bergkulisse
Ein bezauberndes Tal für Wanderfans, Kulturfreunde und Gourmets

Das Bergell verbindet die Schweiz und Italien und bietet eine grandiose Natur von wild bis lieblich

Das Oberengadin ist durch das mondäne St. Moritz in aller Munde. Weit weniger bekannt, aber nicht minder reizvoll, ist das benachbarte Bergell. Die Region, die in der italienischen Amtssprache Val Bregaglia und im Bergeller Dialekt Val Bargaja heißt, umfasst das Tal der oberen Mera (im Bergeller Dialekt Maira) zwischen dem 1815 Meter hoch gelegenen Malojapass auf Schweizer Seite und dem italienischen Chiavenna, das auf nur 333 Metern Höhe bereits mediterranes Klima genießt.

Die grenzüberschreitenden Wanderwege der „Via Bregaglia“ führen auf einfachen Pfaden durch Täler und über Pässe, durch romantische und gleichzeitig wilde Natur. Der „Historische Talweg“, die „Panoramaroute des Bergells“ oder die „Route der Bergüberquerung“ sind ideal für Genusswanderer. Aber auch passionierte Kletterer erproben sich gern an den schroffen Gipfeln und Graten der majestätischen Dreitausender.

Für Kulturinteressierte und Kunstfreunde gibt es im Bergell ebenfalls eine Menge zu entdecken. Denn hier haben die Maler Giovanni, Alberto, Augusto und der Diego Giacometti, Giovanni Segantini und Varlin, mit bürgerlichem Namen Willy Guggenheim, gelebt und gewirkt. In der Ciäsa Granda in Stampa kann der Besucher nicht nur Werke der begnadeten Maler und Bildhauer bewundern, sondern auch in die Kultur und Geschichte dieser Region eintauchen. Zurzeit bemüht sich ein Kreis Engagierter, das seit fast fünf Jahrzehnten leer stehende Giacometti-Atelier der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Segantinis Wirkungsstätte ist in Maloja zu besichtigen. Viele seiner Meisterwerke sind im ausschließlich ihm gewidmeten Museum in St. Moritz ausgestellt. In Maloja lohnt sich ein Abstecher zu den sieben Gletschermühlen. Die in der Eiszeit entstandenen tiefen kreisrunden Löcher im Fels wurden beim Bau des Turm Belvedere entdeckt. Die Ruine der einstigen Sommerresidenz eines belgischen Grafen beherbergt heute wechselnde Kunstausstellungen und bietet einen fantastischen Ausblick auf den Silser See und das Tal der Mera. Auch der Ursprung des Inn präsentiert sich hier als malerischer Wasserfall.

Tiefe Einsicht in eine dunkle Episode der Bergeller Geschichte gewährt der Hexenturm von Vicosoprano, wo dem Geist der Reformation zum Trotz im 16. und 17. Jahrhundert Hexenprozesse gegen missliebige Frauen stattfanden. Heute lassen sich im mit Zirbenholz getäfelten ehemaligen Gerichts-Saal gleich neben der Folterkammer junge Paare trauen.

Viele Hundert Jahre alt ist auch der Edel-Kastanienwald, der als der größte Europas gilt. Der lichte Park mit beeindruckenden Baumriesen zieht sich an der Südflanke des Tals über dem Grenzort  Castasegna – „castagna“ bedeutet Kastanie – fast bis zum 1090 Meter hoch gelegenen Soglio. Ein Lehrpfad informiert über die verschiedenen Arten der Kastanien-Bäume und die bis heute praktizierte Ernte und Verarbeitung der Früchte. Im Oktober wird alljährlich ein Festival gefeiert. Die verschiedenen Kastanienspezialitäten von Schnaps bis Kuchen sind aber in den Restaurants der Region das ganze Jahr über zu kosten.

Zu Mehl gemahlen werden die Kastanien in Promontogno. Die Familie Scartazzini betreibt die einstige Wasser-Mühle, die hauptsächlich Getreide verarbeitet, nunmehr in neunter  Generation seit 1690. Allerdings produziert sie seit dem Bau eines weit oberhalb gelegenen Staudamms keine Wasserkraft mehr, sondern wird mit Strom betrieben.

In Soglio scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Der malerisch auf einer Sonnenterrasse hoch über dem Tal gelegene Ort, der auch vom Postbus angesteuert wird, ist nicht nur des grandiosen Ausblicks und der verwinkelten Gassen mit Wohnhäusern, Ställen, Schobern und Waschplätzen sehens- und erlebenswert. „Juwel“ des historischen Gebäudeensembles ist das Hotel Palazzo Salis, einst Domizil der mächtigen Familie Salis-Soglio und zeitweise Wohnsitz des Dichters Rainer Maria Rilke. Bausubstanz, Mobiliar und Gemälde sind weitgehend erhalten, so dass sich der Besucher weit in die Vergangenheit zurückversetzt fühlt. Hinter dem Palazzo aus dem frühen 18. Jahrhundert befindet sich ein wunderschöner terrassierter Garten mit Buchshecken, knorrigen Obstgehölzen und mächtigen Mammutbäumen, der nicht nur Hotelgästen zugänglich ist. www.palazzosalis.ch

Info: Interessierte finden an jedem der beschriebenen Orte Führungen auch in hochdeutscher Sprache. Einzelheiten sind bei den örtlichen Tourismusbüros oder im Hauptsitz der Organisation in Stampa zu erfahren. Zu Themen wie Wandern, Kunst und Kultur oder zum Kastanienfestival gibt es besondere Angebote. Infos bei Bregaglia Engadin Turismo, Telefon 00 41/8 18 22 15 55 oder www.bregaglia.ch